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1500 Worte Wut

Die Vorsicht bringt uns alle um.
Evolution statt Revolution, Kontinuität statt Bruch, Konsens statt Kontroverse.

Software wird aktualisiert, aber nicht mehr grundsätzlich hinterfragt. Photoshop kriegt drei Effekte mehr, aber den Ballast von sieben Vorgängerversionen, das veraltete Interface, die Struktur… die bleibt. Wie wichtig es aber ist, ab und zu Software von Grund auf zu überdenken, zeigt schon der ja eigentlich auch vorsichtige Sprung von Pagemaker zu InDesign. Obwohl auch am bestehenden orientiert, ist ID deshalb die beste Layoutsoftware, weil sie komplett neu gedacht werden durfte (auch wenn die Entwickler viel zu sehr an Quark orientiert waren). Ich würde gerne Software sehen, die etwas wegkommt von den Strukturen, die wir gewohnt sind. Ja, das wird zuerst nerven, aber am Ende sind wir besser dran.

Wochen- und Tageszeitungen verlieren Leser. Aber niemand denkt grundsätzlich darüber nach, ob und wofür man Zeitungen, zumal regionale Tageszeitungen, überhaupt noch braucht. Aus und in Gewohnheit wird weitergemacht. Das eigene Weiter-so wird nicht hinterfragt. Vorsichtig bringt man mal eine neue Seite ein, die beim kleinsten Zeichen von Protest wieder verschwinden muß. Konsens, Konsens. Und immer an die alten Leute denken. An die Zielgruppen. Die aussterbenden. Und nie dran denken, daß jedes Milieu, auf das du dich einschießt, eventuell zehn andere und spannendere mit ausschließt. Selbstabschaffung auf Raten, der leise Rückzug des alten Mannes, der, den eigenen Tod vor Augen, sich im Leben seiner Umwelt immer weiter unsichtbar macht, um nicht so vermißt zu werden. Wenn die WAZ morgen nicht mehr erscheint… was, außer vielleicht den Wohnungsmarkt, vermissen wir dann? Wenn die FR morgen nicht mehr erscheint, die Zeit, die FAZ? Wenn man dieses eine Ding, das man dann vermissen würde, konsequenter ausbauen könnte… aber statt dessen werden die meisten Faktoren, die ein Blatt auszeichnen und einzigartig machen, zurückgefahren. Weil sie zuviel kosten und niemand merkt, was es bringt.

Je schlechter es der deutschen Architektur geht, um so vorsichtiger wird sie. Sucht Bauherren (und Anerkennung) im Ausland. Wer soll in Deutschland derzeit auch die Hochhäuser und Megaanlagen bauen, von den denen GMP, Teherani und Co träumen? Gleichzeitig masterplant Norman Foster in Duisburg. Muß ich das verstehen? Warum nutzen die deutschen Stars die Ebbe am Markt nicht, um losgelöst über neue Ansätze nachzudenken? Statt «weiter so» den Sinn von Architektur generell zu hinterfragen und zu einem neuen Architekturdenken zu kommen… nach Dekaden fast völligen theoretischen Stillstands in der Branche überfällig. Aber warum, wo man doch noch ein Hochhaus, noch eine Sportarena hochziehen kann? Full Circle zurück zu Machtarchitektur von Ägypten, Rom, dem Dritten Reich. Kathedralen des Kapitalismus hochziehen. Die Allianz-Arena. Das klingt ja schon nach modernem Gladiatorenkampf.

Der Buchmarkt bringt Jahr um Jahr, bei schrumpfender Leserschaft, immer mehr Schrott unters Volk. Die zur Oligopol-Struktur wachsende Verlagslandschaft erfindet immer neue fiktive Sub-Imprints (wie Page & Turner, hohoho), ohne dabei auch nur im geringsten zu verstehen, wie ein Erfolg entsteht. Wie Harry Potter zum Phänomen wurde. Aber wo keiner der erste sein will, wollen alle der zweite am Markt sein. Potter boomt? Laßt uns Fantasy-Bücher bringen. Die Flut der Potter-Klone ist nahezu beschämend. Lemony Snickett, selbst ein Potter-Derivat, wird fast 1:1 wieder on anderen Schreibern imitiert. Der Kochbuch-Markt ist zum Erschießen, die Ratgeber, die Bildbände. Alles gleich, alles eine Linie, eine Möbiusschleife. Man bringt es heraus, niemand kauft es, man verschrottet es ins Moderne Antiquariat und ruiniert damit die Gesamtpreise. Die Frage, wozu das Buch überhaupt noch gut ist heutzutage, ob man so weitermachen kann, was danach kommt, wie man vermarktet… Wurst. Nur die Hoffnung darauf, daß Elke Heidenreich ein Buch ganz toll findet und es in der Spiegel-Bestsellerliste landet. Weiter so, durch. Noch ein Hardcover, noch ein Softcover, kein Geld, keine Lust für neue Ideen, laßt uns lieber noch einen Effektlack auf dieses Kochbuch machen, das bringt mehr Absatz. Das große Sterben steht vor der Tür, aber niemand guckt durch den Türspion. Eine ganze Branche, die auf den bevorstehenden Wandel völlig unvorbereitet ist, like a rabbit in the headlights.

Apropos… die Musikbranche. Die hat’s fast schon hinter sich. Noch ein paar Jahre, so hofft man, schleppt sich das hin und dann ist’s vorbei. Das System ist das gleiche wie im Buchmarkt. sinnloses Regalfüllen, plagiatorischer Formatklau,  keine Vorbereitung auf technologischen Wandel, keine Hinterfragung der eigenen Existenz. Die nächste Britney, der nächste Robbie.  Kann man Klassik noch mehr Easy-Listening treiben? Kommt ein Country-Boom? Zielgruppengerechte Cover, mediale Verkoppelung, Deutschland sucht den Superstar, GZSZ. Hin zu den lokalen Bands, weg von den lokalen Bands. CDs müssen billiger werden, nein nein, teurer. Wir brauchen CopyProtection, nein nein wieder weg damit, unsere Absatzzahlenrauschen ab, doch doch wieder her damit aber etwas dezenter als DRM (man freut sich auf die Pentium-D-Baureihe). Das die Branche so derart von MP3 überrascht werden konnte, ist fast absurd. Denjenigen, der es am lautesten beschrieen hat, Tim Renner, den muß man schnell gehen lassen. Einen der besten Spürhunde der Branche, Dieter Gorny, hat MTV abgewickelt. Wie die Buchverlage fusionieren Plattenfirmen und TV-Sender und Musikmagazin-Verlage. Das Diktat der Krawattenträger, der Controller, des ökonomischen Sachzwangs, den es nie gab, der aber die Grundlage des Geschäfts, die Suche nach Kreativität und Neuem, ruiniert. Das Rockbands heute die Kinder anklagen, daß MP3-raubkopieren böse sei, hat etwas Absurdes. Punk is dead, offensichtlich.

Das deutsche Theater (und die Philharmonien), das selbst-bespiegelndste der Welt, das mit der staatlichen Subventionierung international beneidete Freiräume hat, verkommt zum Schwimmbad. Schuld ist oft und allemal das Publikum. Die «ihren» Brahms 1:1 so hören wollen, wie auf CD. Die gerne rausgehen und böse Briefe schreiben und Finger-fuchteln und schöne Käseglocken auf ihrer Kultur haben wollen. Für die Theater Bewahrungsanstalt sein muß, sei es auf der einen Seite von Goethe, Schiller, Shakespeare in ihrer reinsten Perückenform, eingefroren, eingelegt in Bernstein, öde wie tiefgefrorene Pizza, Disneytronic-Aufführungen ohne Zeitbezug. Oder für die Theater der ewige Sozialapparat sein muß, die in den 60er/70ern kleben geblieben sind, pubertär-kicherndes Pipikakatheater toll finden. Oder für die Theater, oft auf Macherseite, permanente «Kunst» bedeuten muß, Selbstverwirklichung ist, Feuilleton ohne Bedeutung. Jahr um Jahr überall in Deutschland die gleichen Stücke, überall ausgewogen zwischen Classics und modernen Ansätzen, überall in der Angst gefroren, die Abonnenten nicht zu verlieren, aber der Presse auch nicht zuuu anbiedernd zu erscheinen, nicht ganz auf Stadl-Niveau zu sinken. Die Intendanten wechseln gerade im Ruhrgebiet, grundlegende Fragen aber bleiben unbeantwortet. Wie automatisch wird das gleiche gemacht wie stets. Man führt Stücke auf. Dafür sind Theater da, oder? Man spielt Konzerte, dafür sind Philharmonien da… oder? Was sollte man sonst tun? Und wenn keiner kommt, muß man sehen, daß man eine Imagekampagne fährt, oder? Und.. Ein Saisonheft muß ja irgendwie sein, ein Jahresprogramm sollte vorher stehen. Die Ansprache sollte die gleiche sein wie immer, etwas anders, aber nicht naß machen beim Waschen bitte. Denken Sie an unser Publikum. Es gibt gar keine Chance etwas zu verändern für die Intendanten und Dramaturgen, die Marketingleute und die Autoren, der Konformitätszwang von allen Seiten ist viel zu hoch. Und in Zeiten permanent sparender, und somit erpresserisch arbeitender, kommunaler Haushalte, ohnehin. Wir sind noch nicht soweit, daß Armut wieder Kreativität zeugen wird. Außer beim Heranschaffen von Privatgeldern. Dann muß man auch an Anzeigenkunden denken, und sich kommerziell so platt machen, da es auch ein Autohausverkäufer irgendwie dufte findet und eine Anzeige schaltet. Und man verliert und verliert und verliert, bis nichts mehr übrig bleibt. Die Mitte der Straße, da geht’s hin… genau dahin, wo man meist platt gefahren wird. Denn das irgendwann die Frage kommen muß, warum wir so viele Kultureinrichtungen haben, wenn doch im Grunde alle mehr oder minder das gleiche bieten… ist vorhersehbar.

Das Ganze läßt sich nahezu endlos durchziehen. Die Angst, das Denken in Zielgruppen, in Sinus-Milieus, die Formatierung, die Quotierung, die Ökonomisierung. Am Ende sieht alles immer gleicher aus, immer uniformer, immer grauer, immer satter. Da darf man sich auch an die eigene Nase, an die eigene Arbeit fassen, das betrifft auch mich selbst. Zu satt, zu vorsichtig, Facharbeiter im Design-Bergwerk. Und die Generation junger Designer und Werber ist noch viel freundlicher, viel lieber, viel unkantiger, etabliert ohne je wirklich rebellisch gewesen zu sein. Vielleicht kann man heute auch nicht mehr rebellisch sein. Wogegen anrennen? Wogegen kämpfen, wenn auch die Rebellion längst Marktreflex geworden ist, ein Baustein des Identifikationsangebotes verschienster Markenwelten?

Wir leben in einer Welt, die zunehmend ihren Pathos verliert, geprägt von faden Politikern und kinnlosen Managern, eine Welt, die nicht mal wirklich konservativ ist, sondern vor allem bräsig. Keine großen Würfe mehr. Eine Welt ohne Herzblut, ohne Mut, ohne Brüche, ohne Angst, ohne Risiko. Die nicht mehr den Mond erobern will, nicht mehr die Meere besiedeln, deren Träume klein und schal geworden sind. Eine bürgerliche Mittelstandswelt, in der der Musikantenstadl Quotenbringer ist. Ein Land, das dich zwischen Jürgen Rüttgers und Peer Steinbrück zu wählen zwingt, zwischen Schröder und Merkel. Wobei das nur ein Detail ist, es ist nicht die Politik, die das Problem ausmacht. Es ist die allgemeine Müdigkeit. Der Mangel an Aufbruch. Wohin auch noch? Sind wir nicht angekommen? Haben wir nicht genug getan? Komm, mal zwanzig Jahre die Beine hochlegen und zusehen, wie andere arbeiten. Was den nun? Uns geht’s doch gut.

Uns geht’s gar nicht gut.

7. Juni 2005 06:33 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.

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