Right now. Wir leben mitten in der Zukunft. Wir können die Träume unserer Kindheit anfassen. Wer als Kind sein Plastik-Walkie-Talkie liebte, ist in der Cellphone-Gegenwart angekommen. Eine bizarre und gute Welt, geprägt von singenden Fröschen, von Telephonen, die zu Statussymbolen auf Schulhöfen und Managementmeetings mutieren, von iPods, die von ihren Besitzern liebevoll in Plüschtaschen aufbewahrt werden, von Elektrogeräten, die dich ganz persönlich beim Einschalten begrüßen. Eine Welt mit intelligenten Arphid-Geräten, mit geklonten Babies, intelligenten Viren. In der Challenger-Astronauten in einem kaleidoskopischen Feuerball explodieren und das US-Militär davon träumt, die Kampfrüstung von Iron Man real werden zu lassen. Eine Welt, die sich irrlichternd auf das zubewegt, wovon die SF-Autoren immer nur geträumt haben und die dabei zugleich glorios und alptraumhaft werden wird, wie es eigentlich ja immer auch schon klar war. In der wir gegen die Volkszählung protestiert haben, aber für 3% vom Einkaufspreis unser gesamtes Konsumverhalten nur zu gerne offen legen… In der eBay den Kapitalismus mit Kapitalismus bekämpft. Wir leben mitten in einer modernen Renaissance, in der Quantenphysik, Philosophie, Religion und Kunst wieder so nahe beisammen sind wie seit ewig nicht mehr. In der Programmer und Designer verschmelzen, Künstler und Produktmanager eine Zweckehe eingehen. In der verschiedene Bereiche, voneinander lernen, sich gegenseitig befruchten wie seit langem nicht mehr.
In der nicht zuletzt auch die Kunst immer technologischer wird. Architektur hat erstmals historisch die Chance, delirierend-visionäre Bauten zu kreiiern. Wir werden in den nächsten dreißig Jahre hoffentlich Bauwerke sehen, die mehr und mehr Ergebnis kranker Experimente und einer neuen Aufbruchsstimmung sind, die ermüdet ist von der Ordnung, von der Nutzfläche, vom Sinn. Bauten, die wir lieben und hassen können, die emotional sind, die eine Chance auf Geschichte haben. Die von winzigen, fraktalen Büros kommen, nicht von teuren 400-Mann-Strukturen.
Man muß freilich das Elend lieben lernen. Die Armut, die schlechte Immigrationspolitik, die Mißstände. Du mußt das Gute darin sehen. Guck dir Los Angeles an. Das ist das Ruhrgebiet in zwanzig Jahren, wenn alles gut geht. Ghettos, Armut, Gangs, Chaos. Und das ist gut so. Ganze Städte werden zu Ghettos mutieren. Das Ruhrgebiet wird zu einer einzigen großen Metropole verschmelzen müssen, die Städte werden unter dem Kostenzwang aufgeben, zusammenbrechen, kollabieren. Notwirtschaftszone werden sie es nennen. Entweder daß oder zusehen, wie die Region stirbt. Du mußt das Elend umarmen, die Nacht treten, bis sie Tageslicht blutet. Berlin wird müde und spießig sein, wenn wir so weit sind, und dann kommen Sie, die Künstler, die Wilden, die hier ohne Geld und ohne Regeln arbeiten, in den abgewrackten Fabriken hausen, in tristen Reihenhaussiedlungen arbeiten und werkeln. Nur im Elend schreibt man die besten Gedichte. Neues entsteht nicht aus dem Bürgertum. Und deshalb freut euch, wenn in NRW die Mittel nach und nach verschwinden, wenn Kultur und Kunst, Bildung und Infrastruktur zusammenbrechen. Wenn die Schlingensiefs von morgen hier etwas finden werden, was es so in ganz Deutschland nicht gibt. Wenn die Theater und Konzerte hier eine ganz neue Dimension gewinnen, gegen die Berlin kleinstädtisch wirken wird. Das Ruhrgebiet als größte Stadt von Deutschland, als brutaler stinkender Underground, als Moloch, als Monster. Das ist kein Dystopia, das ist die Chance, die wir haben. Sao Paulo, Shanghai. Bigger than Jesus. Vernetzt, untertunnelt, schneller und böser als jede andere Stadt in Europa. Das Gefühl, daß dir London, Paris und NY geben, dieses Love-me-as-I-am-or-Fuck-Off, das wird kommen. Es gibt für eine so große urbane Anballung gar keine andere Chance, langfristig. Es gibt keine Alternative. Je eher wir anfangen, umso besser.
Freut euch, wenn die Politik zusammenbricht. Wenn die großen Volksparteien kollabieren. Jetzt die SPD, morgen die CDU, die es nicht besser machen wird, nicht besser machen kann. Europa, abgelehnt. Nicht die Idee, aber die Bürokratie, die Politiker, die Beamten. Freut euch mit jeder sinkenden Wahlbeteiligung, mit jedem geplatzten Versprechen… das ist der lange, langsame Abschied eines Systems, das mit uns nichts mehr zu tun hat. Das unser Leben nicht mehr bereichert, unsere Visionen nicht mehr entfacht. Freut euch auf die oder den nächste(n) Kanzler(in)… beide sind bereits ausgebrannt, bevor sie ihr Amt antreten. Weil sie nichts bewirken können. Sie alle sind verbraucht, ausgelaugt… und man sieht es ihnen an. Politik bewegt nichts. Eichel erhöht die Steuern und die Steuereinnahmen SINKEN. Freut euch, daß es keine Alternativen gibt. Denn wir brauchen sie nicht mehr. Keine PDS, keine NPD. Die Politik berührt unser Leben nicht mehr. Sie machen Gesetze und wir umgehen sie, arrangieren uns, ignorieren sie. Tricksen. Dieses System, ganz dialektisch gedacht, ist am Ende. Und nur weil kein Gegenentwurf in Sicht ist, atmet es noch. Freuen wir uns auf das Neue. Freuen wir uns über spontane Volksbefragungen und Attac. Auf die kleinen spontanen Netzwerke, auf lokale Lösungen, ruhig auch auf die Demagogen. Die neuen Populisten sind nicht besser und nicht schwerer zu durchschauen als die alten, als die jetzigen. Freuen wir uns auf die Haiders dieser Welt. Sie machen das Leben doch bunter. Freuen wir uns auf Kanzlerin Merkel, auf lachsfarbene Kostüme, auf eine Politik, die selbst bei absoluter Mehrheit in Bundestag und Bundesrat langfristig nichts steuern wird. Die Politik kann nur besser werden, je schlechter sie wird.
Das Leben der Subkultur beschleunigt sich, unberührt von der Politik, längst. meine Teenagerzeit ist harmlos gegen den kommerziellen und sozialen Druck von heute. Die Drogen werden härter, der Sex kommt früher, die Kleidung ist teurer. Darüber kann man sich pädagogisch korrekt beschweren. Die Kindheit stirbt. Teens haben längst psychosoziale Probleme, die alptraumhaft sind. Positiv ist aber: Die Kindheit stirbt. Schneller und schneller befreien sich die Kids aus den Armen ihrer Eltern, werden zu urbanen Wesen, die mit Drogen und Sex ihren eigenen Weg aus der Perspektivlosigkeit suchen. Ein solider Prozentsatz bleibt dabei hängen. Aber ich hoffe, daß ein guter Prozentsatz von dieser Beschleunigung profitiert, daß die rein hedonistische Jugendphase nicht nur für Konsum und Status genutzt wird, sondern zunehmend auch für andere Zwecke. Wenn du mit Teens zu tun hast, verfliegt dein Bild von der Lost Generation. Sie sind klüger, schneller und gottseidank zynischer als viele Generationen vor ihnen. Sie haben nur das Kämpfen verlernt, sind weich geworden. Das aber wird die Realität ändern. Es wird eine Phase geben, in der die Teens versuchen werden, sich anzupassen, Assimilation, Mimikri, um jeden Preis einen Ausbildungsplatz, um jeden Preis einen Job, einen Platz in diesem System. Aber irgendwann sind es zu viele und sie werden spitzkriegen, daß Anpassung nichts mehr bringt. Egal, wie viel Spucke man sich in den Scheitel schmiert, egal wie sehr man sich verbiegt. Und dann lernen Sie, daß die einzige Strategie ist, sich treu zu bleiben, ehrlich zu sein, den eigenen Weg zu gehen. Hart zu arbeiten, eigene Ziele zu finden. Wenn Sie gelernt haben sich auf niemanden mehr zu verlassen, daß nur Tempo und Kreativität sie retten, das SMS-Schreiben-Können keine Qualifikation für irgendwas im Leben ist… oh, dann wird das spannend.
Wir leben in den 1920s. Varieté boomt, ob auf der Bühne oder in den Fratzenschauen im Fernsehen, in den Reality Shows wie in den extremeren Installationen der bildenden Kunst. Wir sind betäubt, wir suchen unseren Puls. Wir sind längst bereit, neue Grenzen zu suchen. Ja, alte Werte gehen verloren. Das Lesen. Das Kochen. Das Zusammenleben.. Die Ruhe und Sicherheit. Wir leben in einer seltsamen Risikogesellschaft, in der nichts mehr sicher ist. Und wir lernen, damit umzugehen, damit zu spielen. Während der Mainstream vor die Hunde geht, blüht die Subkultur wie selten zuvor. Während die Dudelfunk-Sender über rückgehenden Einnahmen klagen und die Musikindustrie (INDUSTRIE!) zwischen Angstkrämpfen und Machtgehabe wankt, haben wir längst eine der besten Independent-Szenen seit 15 Jahren, globaler und zugleich lokaler denn je zuvor, haben wir Internet-Radio, Podcasting, MP3-Blogs, Bands, die direkt eigenes Publikum online kennen. Manufakturen, kleine verschworene Gemeinschaften. Mundpropaganda. So intensiv, daß übernacht Alternative in den Mainstream kippt und zum One-Hit-Wonder mutiert. Daß Musiker, die keine CDs mehr vertreiben und über alternative online-Vertriebswege gehen, Grammies abkassieren. Das ist kein kleines Phänomen mehr. Das ist die Zukunft. Der Mainstream, auch wenn MTV das leider auch behauptet, stirbt.
Und so weiter. Im Schumpeterschen Sinne zerstört sich der Kapitalismus gerade fröhlich selbst, nicht um ganz zu verschwinden, sondern um anders neu zu erscheinen… und hinter den Brüchen im System entdecken wir keinen großen Gegenentwurf, keinen Marxschen Gesamtansatz, sondern das alltägliche Herumwursteln. Das winzige Netzwerk. Die Verweigerung, den eigenen Weg, einen weich abgefederten Anarchismus. Nicht als Big Idea, sondern weil es sonst nicht anders gehen würde. Das permanente Neu-Erfinden, die extreme Beschleunigung, wird zum Alltag werden und wir werden uns daran anpassen. Anpassen ist die eine Fähigkeit, die wir Menschen haben. Der Wohlstand wird sinken, aber die Kreativität wird steigen. Die Arbeitswelt der 50er bis 70er Jahre wird als Lebensmetapher verschwinden. Verschwinden müssen. Dafür wird etwas Neues entstehen, so ist das eben.
Denn die Zukunft kommt, so oder so, change is coming every day. Sie ist eigentlich schon da, immer da gewesen. Es gibt ja nun mal keine Gegenwart. Es gibt keine Sicherheit und an ihre dürre Fata Morgana glaubst du doch auch nicht mehr, oder? Es gibt nur Bewegung nach vorne. Das kannst du ablehnen, aber was bringt das schon?
Besser aber ist das hier:
Verliebe dich auf die Zukunft. Sie gehört dir.
7. Juni 2005 11:02 Uhr. Kategorie Leben. Eine Antwort.
«Du mußt das Elend umarmen, die Nacht treten, bis sie Tageslicht blutet.» Gut gedacht, schön geschrieben!